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Aus den Magazinen des Landesarchivs (Januar 2022)

Impfwesen in Oldenburg im 19. und 20. Jahrhundert (NLA OL Best. 70 Nr. 2677-1, NLA OLBest. 70 Nr. 2679-2, NLA OL Best. 136 Nr. 5008, NLA OL Rep 410 Akz. 251 Nr. 137)


 
Übersicht über die Schutzblattern-Impfungen und deren Erfolg für das Jahr 1865  
NLA OL Best. 70 Nr. 2679

Impfungen und die damit zusammenhängende staatliche Organisation des Impfwesens sind keine Fragestellungen, die erst im Zuge der Corona-Pandemie gesellschaftlich thematisiert wurden. Vielmehr hat die Zugänglichkeit zu Schutzimpfungen für breite Bevölkerungsschichten ihren Ursprung bekanntermaßen bereits in der Kuhpockenimpfung des englischen Arztes Edward Jenner in den ausgehenden 1790er Jahren.

Schon in naher Folge zum Wirksamkeitsnachweis dieser sog. Schutzblattern-Impfung wurde das Impfwesen ab dem Ende des Jahres 1800 auch im Oldenburger Raum vorangetrieben. Geht die breitere Durchsetzung der Pockenschutzimpfung in Oldenburg sodann auf die Zeit der französischen Herrschaft zurück, so orientierte sich die (groß-) herzogliche Regierung 1815 auch in der Konzeption eines Impfnachweises an französischem Vorbild.

Dieser an moderne Impfpässe erinnernde Versuch einer zunehmenden obrigkeitlichen Normierung des Impfwesens wurde im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts durch die Sammlung statistischen Materials ergänzt, das die staatlichen Bemühungen um detaillierte Dokumentation des Impffortschritts bis auf die Ebene einzelner Kirchspiele dokumentiert.

Hierbei wurde die im jungen Kaiserreich schließlich aus dem 1874 verabschiedeten „Reichsimpfgesetz“ folgende Pflicht zur Pockenschutzimpfung aller ein- und zwölfjährigen Kinder nicht in jedem Fall bereitwillig angenommen. Die zeitgenössisch durchaus nicht singulär auftretenden, sondern seit Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Vereinen institutionalisierten und international vernetzten Impfgegner wussten dabei auch im Freistaat Oldenburg schon in den 1920er Jahren die Kraft der Medien zur selbsterklärten „Aufklärung“ der Öffentlichkeit über die Pockenimpfung zu nutzen.

Gleichwohl dürfte außer Frage stehen, dass die im 20. Jahrhundert weiter mittels öffentlicher Massenimpfungen verfolgte Impfpflicht maßgeblich zur Ausrottung der Pocken in den ausgehenden 1970er Jahren beigetragen hat. Waren die Kommunen noch zu Beginn der 1970er Jahre neuerlich auf die Vorhaltung bestimmter Vorsorgemaßnahmen im Falle eines Pockenausbruchs verpflichtet worden, schien die durch Impfungen erreichte gesellschaftliche Immunität ebensolche Maßnahmen gegen Ende der 1970er Jahre auch in Oldenburg obsolet zu machen. Die Ausrottung der Pocken veranlasste beispielsweise den Landkreis Vechta im Jahr 1979 dazu, über die Bezirksregierung beim zuständigen Niedersächsischen Sozialminister anzufragen, ob entsprechende Vorsorgemaßnahmen weiterhin vollumfänglich vorgehalten werden müssten.


Der Beitrag stellt eine gekürzte Fassung eines Berichts der Abteilung Oldenburg für das Jahrbuch des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland 2022 dar.

Literatur:

Malte Thießen: Immunisierte Gesellschaft. Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 225), Göttingen 2017.

Martin Roth: Etwas über die Pocken und die Einführung der Impfung in Oldenburg. In: Ders.: Aufsätze zur Geschichte der Medizin im Herzogtum Oldenburg. Oldenburg 1921, S. 161-167.

Antje Sander: „Überstandene Sorge, Gefahr und Mühe“. Über Quarantäne, Abstandsregeln und Impfen in Jever und Varel im 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: Kulturland Oldenburg, Band 187 (1/2021), S. 2-7.

 
NLA OL Best. 136 Nr. 5008
NLA OL Rep 410 Akz. 251 Nr. 137
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