Niedersachen klar Logo

Aus den Magazinen des Landesarchivs (Januar 2021)

Freizeitvergnügen in der „lettischen Kolonie“ in Oldenburg-Ohmstede (ca. 1950) (NLA OL Slg 60 Best. 286 Nr. 256 M)


Bildrechte: NLA

Das handgemalte Plakat, das in lettischer Sprache zum Besuch einer Sportveranstaltung einlädt, ist eines von mehreren gleichartigen Veranstaltungshinweisen aus der Zeit um 1950 bis 1959, die in der Abteilung Oldenburg aufbewahrt werden. Sie belegen die damalige Anwesenheit einer größeren Anzahl Letten in Oldenburg, die das Kultur- und Freizeitleben der Stadt bereicherten. Von Letten organisierte Musik-, Theater- und Sportveranstaltungen fanden dann auch in einem eigenen, nach einer Spendensammlung im Ausland 1964 eröffneten Jugend- und Kulturzentrums – heute Kulturzentrum Rennplatz – statt. Blieb die Einwohnergruppe anfangs meist unter sich, bezogen die Aktivitäten des Kulturzentrums zunehmend auch andere Bevölkerungsgruppen ein. Die großformatigen Plakate der 1950er-Jahre hatten trotz der fremden Sprache auch vereinzelt Deutsche mit angelockt.

Die Anwesenheit von anfangs ca. 1.000 Letten, aber in geringerer Zahl auch Esten und Litauer, ist eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Sie lebten in einer Barackensiedlung zusammen und bildeten die größte lettische Kolonie in der Bundesrepublik. Die Lettensiedlung entstand in Ohmstede auf dem Gelände eines früheren Rennplatzes, wo von 1906 bis 1939 jährlich Pferderennen ausgetragen worden waren (eine Tradition, die man nach dem Krieg in Rastede aufgriff) und auf dem anschließend in der NS-Zeit Zwangsarbeiter vorwiegend aus Russland und dem sonstigen Osteuropa in 1942 errichteten 42 Holzbaracken Unterbringung fanden. Zeitweise waren dort auch Möbel deportierter Juden gelagert. Etwa 40.000 Zwangsarbeiter/innen sollen durch das „Russenlager“ gegangen sein, zahlreiche Todesopfer aus dem Lager ruhen in einem Massengrab auf dem Ohmsteder Friedhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden überwiegend Flüchtlinge aus dem Baltikum, insbesondere Letten und Esten, in das Lager eingewiesen, nun ein Auffang- und Sammellager für DPs (Displaced Persons). Es unterstand anfangs Organisationen der Alliierten und deutsche Behörden hatten in ihm bis 1950 keine Kompetenzen. Die jüngeren und aktiveren Flüchtlinge verließen nach und nach Ohmstede wieder, vor allem in Richtung nach Amerika und Australien. 1955 befanden sich noch überwiegend Alte, Kranke oder anders Hilfsbedürftige im Lager und solche, die nicht in ein anderes Land ausreisen konnten. Die lange Arbeitslosigkeit und die Entwurzelung führte zu sozialen Spannungen und seelischer Not. Der Pastor der Lettengemeinde - eine eigene Kirche und evangelisch-lutherische Kirchengemeinde entstanden - suchte diesen durch ökumenische Jugendlager, gemeinnützige Werkstätten und andere Aktivitäten zu entgegnen. Die eingangs genannten Kulturveranstaltungen waren ein Lichtblick in dieser schweren Nachkriegszeit. Auch die Pflege heimischer Traditionen und das Feiern von Festen gehörten zu den positiven Seiten und prägten das Gemeinschaftsleben. Das Lager wurde 1959 aufgelöst und die Baracken abgebrochen. 1980 lebten noch etwa 200 Letten in Oldenburg, davon nur noch ein Teil in Ohmstede.


Die Barackensiedlung hatte durch in der Nachbarschaft plündernde entwichene Zwangsarbeiter bereits vorher einen schlechten Ruf erhalten, und dieses schlechte Image setzt sich für das Rennplatzviertel, auch wenn die Baracken längst durch eine Großsiedlung ersetzt sind, bis heute fort. Das Viertel ist noch immer eine problembelastete multikulturelle Nachbarschaft, in der es aber auch positive Entwicklungen gibt. In der Siedlung leben heute Menschen aus fünfzehn Nationen in einer beachtlichen Form der Koexistenz. Die Straßennamen „Rigaer Weg“ und „Kurlandallee“ erinnern an die Flüchtlinge aus dem Baltikum und die „Rennplatzstraße“ an den einst hier betriebenen Rennplatz.


Literatur/Film:

Günter Heuzeroth, Baltenflüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Exil. Ein Balanceakt zwischen Diktaturen und Demokratie. Dargestellt an den Baltenkolonien im Oldenburger Land, Oldenburg 2014 (PDF-Download unter www.oldenburg.de)

Petra Quade / Werner Ostendorf, Film „Die lettische Kolonie in Oldenburg-Ohmstede“, Dokumentation 2012, ca. 30 min. (auch NLA OL Slg 90 FB-ZI Nr. 16 DVD)

Ole Sparenberg, Vom Ausländerwohnlager Ohmstede zur Rennplatzsiedlung, in: Oldenburger Jahrbuch 100 (2000), S. 177-199

Plakat der lettischen Kolonie in Oldenburg-Ohmstede Titel: "Basketball. Wettkampf England-Deutschland, Frankreich-Schweden" In der Mitte ein "fliegender" Basketballspieler handgezeichnet; in lettischer Sprache   Bildrechte: NLA
NLA OL Slg 60 Best. 286 Nr. 256 M - Einladung zum Basketballspiel (Wettkampf England-Deutschland, Frankreich-Schweden) in der Lettischen Kolonie Oldenburg-Ohmstede ca.1950 (vor 1959)
Archiv

Hier finden Sie früher vorgestellte Archivalien.

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln