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Aus den Magazinen des Landesarchivs (März 2020)

Mythenbildung und Aktenwahrheit: Der „Kapp-Putsch“ 1920 in Harburg (NLA ST Rep. 171a Stade Nr. 140/01)


Bildrechte: NLA
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Vor hundert Jahren stellte der sogenannte „Kapp-Putsch“ im März 1920 die noch junge Weimarer Republik vor eine existenzielle Belastungsprobe. Getragen wurde der Putsch von einigen der alten konservativen Eliten wie auch von teils rechtsextremistischen Freikorps. Eine markante Episode dieses Überlebenskampfes der gerade erst errichteten Demokratie schildert die hier präsentierte Akte: In Harburg kam es in jenen Märztagen zu Auseinandersetzungen zwischen der städtischen Arbeiterschaft und einem dem Fliegerhauptmann Rudolf Berthold unterstehenden Freikorps, genannt „Baltikumtruppen“ oder „Eiserne Schar“. Verhandlungen und schwere Kämpfe wechselten sich ab, in deren Verlauf die Lage des Freikorps zunehmend aussichtslos wurde. Der Anführer Berthold wurde zuletzt – mutmaßlich durch die siegreiche und zugleich aufgebrachte Arbeiterschaft – schwer misshandelt, angeschossen und getötet, wie auch weitere Angehörige des Freikorps.

Dies wiederum löste umfangreiche Ermittlungen der damals für Harburg zuständigen Staatsanwaltschaft Stade gegen die tatverdächtigen Arbeiter aus (insgesamt: NLA ST Rep. 171a Stade Nr. 140/01–16). Bertholds Tod und die Ereignisse in Harburg führten zugleich zu einer bis in die NS-Zeit anhaltenden Propagandaschlacht um die ‚richtige‘ Geschichtsdeutung. Die Lektüre der nüchternen Behördenakten widerlegt solche Instrumentalisierungsversuche und ermöglicht zugleich die minutiöse Rekonstruktion des Geschehensablaufs. Dies zeigt etwa die unmittelbar nach Bertholds Tod erstellte Todesbescheinigung: Diese belegt, dass Berthold und seine Kameraden zwar teilweise massiv verletzt wurden. Die in der rechtsextremistischen Legendenbildung, aber auch von einigen Zeitungen reißerisch behaupteten Gewaltexzesse („Frauen schnitten dem Führer die Gurgel durch“) lassen sich jedoch nicht nachweisen. Vor allem galt: Beide Seiten hatten Todesopfer und Verletzte zu beklagen.

So ermöglichen die inzwischen für jedermann zugänglichen Ermittlungsakten zum Todesfall Berthold einen – wenn auch behördlich geprägten – Blick hinter den Schleier aus propagandistischer Verfälschung und unzuverlässigen Memoiren. Und lehren zugleich, wie wichtig es ist, bei politisch brisanten Ereignissen möglichst viele Quellen zu prüfen – damals wie heute.


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