Niedersachen klar Logo

Aus den Magazinen des Landesarchivs (September 2012)

Versteigerungskatalog der Bibliothek des Stader Generalsuperintendenten Johann Hinrich Pratje mit Auktionsergebnissen (1792) (Staatsarchiv Stade, Rep. 83 Stade Nr. 242)


StA Stade, Rep. 83 Stade Nr. 242  

Johann Hinrich Pratje (1710-1791), als Sohn eines Bierbrauers in Horneburg geboren, wurde mit 39 Jahren Generalsuperintendent und damit ranghöchster Geistlicher der Herzogtümer Bremen und Verden. Neben seiner kirchenleitenden Tätigkeit im Zeichen einer gemäßigten Aufklärung ist er vor allem als Publizist in Erinnerung geblieben, der eine ganze Reihe theologischer und landesgeschichtlicher Zeitschriften herausgab und dabei selbst als produktiver Autor hervortrat.

Nach dem Tod Pratjes, der 1791 im Alter von 81 Jahren gestorben war, beauftragten die auswärts wohnenden Kinder den Stader Advokaten Cammann damit, den umfangreichen Nachlass zu versteigern und den Erlös auf die Erben aufzuteilen. Die Akten Cammanns gelangten später in die Registratur des Stader Konsistoriums, wodurch sie erhalten geblieben sind.

Die große Bibliothek Pratjes wurde im August 1792 in Stade versteigert. Der zu diesem Zweck gedruckte, 318 Seiten umfassende Katalog führt unter 6643 Nummern den gesamten Bücherbestand auf. Es handelt sich um ein so genanntes durchschossenes Exemplar, bei dem zwischen die Seiten des gedruckten Kataloges leere Seiten eingebunden wurden, auf denen die Namen der Käufer und die erzielten Erlöse für die einzelnen Bücher eingetragen wurden. Insgesamt brachte die Versteigerung der Bibliothek 5257 Mark ein, was etwa dem Wert eines Bürgerhauses entspricht.

StA Stade, Rep. 83 Stade Nr. 242  

Inhaltlich steht in der Bibliothek die Theologie bei weitem im Vordergrund, die Büchersammlung entstand in engem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit als Theologe in der Kirchenleitung. Pratje besaß eine Fülle wissenschaftlicher Werke zu den verschiedenen theologischen Teildisziplinen, darüber hinaus auch zu Nachbarwissenschaften wie der Philosophie und der Pädagogik. Der Umfang der Bibliothek, der das für die Praxis Nötige weit übersteigt, macht die wissenschaftliche Begeisterung Pratjes für sein Fach deutlich. Bemerkenswert ist u.a. sein Interesse an fremden Religionen, insbesondere dem Judentum und dem Islam. So besaß Pratje auch zwei Übersetzungen des Korans.

Eine bemerkenswerte Dichte erreichte auch seine Sammlung historischer und landeskundlicher Literatur über die Herzogtümer Bremen und Verden. Hervorzuheben sind zum einen 40 Handschriften des 16. bis 18. Jahrhunderts zur regionalen Geschichte, die Pratje teilweise selbst in seinen Zeitschriften ediert hat; zum anderen eine wahre Fülle kleinerer gedruckter Gelegenheitsschriften von Autoren aus Bremen-Verden, Gedichten, Predigten, Nachrufen, kürzeren Abhandlungen und sonstigen Kleinschriften zu besonderen Anlässen, die Pratje in 46 Bänden binden ließ. Vieles wird der Generalsuperintendent von den Pastoren und Lehrern seines Bezirks geschenkt bekommen haben. Sein Enkel Hermann Schlichthorst, damals Lehrer am Stader Gymnasium und später Pastor in Visselhövede, ersteigerte diese Sammelbände für 27 Mark – heute sind sie leider verschollen.

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln