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Aus den Magazinen des Landesarchivs (März 2012)

StA Wolfenbüttel 143 N Nr. 431  

Als Kaiser Rudolf II. am 20. Januar 1612 auf dem Prager Hradschin starb, hinterließ er Mitteleuropa in angespanntester Lage. Sein Bruder Matthias hatte ihn gezwungen, auf die Herrschaft in Ungarn, Mähren und Österreich zu verzichten. Den Böhmischen Ständen hatte er im Majestätsbrief von 1609 die Religionsfreiheit zubilligen müssen. Im Reich formierten sich die konfessionellen Lager: die calvinistisch bestimmte Union und die katholische Liga.

Es war der Direktor des kaiserlichen Geheimen Rates, der König Matthias vom Tod seines Bruders in Kenntnis setzte. Ein leitender Minister lutherischer Konfession: Herzog Heinrich Julius zu Braunschweig-Lüneburg, der selbst ein großes Gebiet regierte, das sich von Hoya bis Göttingen, von Hameln bis Halberstadt erstreckte. Der Herzog hatte die kaiserliche Politik in den letzten Jahren dirigiert. Der Tod Rudolfs traf ihn unerwartet und hart. Ohne Zweifel gehörte er zu den wenigen, die den sich immer weiter zurückziehenden, demoralisierten Kaiser, der doch ein Sinnsuchender und großer Kunstliebhaber war, als Person schätzten. Nach der Beisetzung erwarb er das Trauergerüst als Erinnerungszeichen.

Aber wie war jetzt zu verfahren? Die durchaus unklare Situation des Übergangs beleuchten zwei Briefkonzepte des Herzogs vom 23. Februar 1612. Herzog Franz zu Sachsen (Lauenburg) hatte in einer Parteisache seinen Sohn Franz Julius auf den Weg nach Prag geschickt, als ihn die Nachricht vom Tod des Kaisers erreichte. Da diese Reise sich erübrigt hatte, schrieb er an Heinrich Julius und bat um Beförderung der Angelegenheit. Der entwarf mit eigener Hand rasch ein Antwortkonzept: Wegen des unvermuteten Todesfalles sei das Mandat der eingesetzten Kommission erloschen. Die Sache müsse aufgeschoben werden, bis das Römische Reich wieder ein Haupt erhalten habe.

Zufällig sind diese Schreiben, die eher in den Archiven in Prag oder Wien zu vermuten wären, in die Wolfenbütteler Überlieferung gelangt. Sie legen Zeugnis davon ab, wie der wichtigste niedersächsische Fürst seiner Zeit als gewesener Minister eines glücklosen Kaisers agierte. Sein großes Vorhaben, einen Ausgleich zwischen Kaiser und Reichsständen zu vermitteln, konnte er nicht mehr ausführen. Heinrich Julius starb im folgenden Jahr, ebenfalls in Prag. Das Amt des kaiserlichen Ministers hatte da längst der Wiener Bischof Melchior Khlesl übernommen, ein Propagandist der Gegenreformation.

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