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Aus den Magazinen des Landesarchivs (September 2013)

Die Zerstörung der Uferbefestigung bei Ruthe an der Leine (1677) (Hauptstaatsarchiv Hannover, 22 g Ruthe 11 pm)


HStA Hannover 22g Ruthe 11 pm

Die beeindruckende Karte entstand 1677 im Kontext langwieriger Grenzstreitigkeiten zwischen dem hildesheimischen Amt Ruthe und dem braunschweig-lüneburgischen Amt Calenberg. Sie diente aber keineswegs der Erheiterung, was man auf den ersten Blick vermuten möchte, sondern sollte Bischof Maximilian Heinrich von Hildesheim als Landesherrn über einen – aus Sicht des Amtes Ruthe – ungeheuerlichen Vorgang in Kenntnis setzen.

Die gewestete Karte bildet die Leineschleife unterhalb des Amtssitzes Ruthe ab, wo der Fluß die Grenze zwischen den Fürstentümern Hildesheim und Braunschweig ausmachte. Am unteren Bildrand, dem östlichen Leineufer, ist ein vom Amt Ruthe errichtetes Knappwerk (mit Holzpfosten und Flechtwerk befestigte Dämme) zu erkennen; es sollte die Uferbefestigung vor Schäden durch die Holzflößerei schützen. Auf calenbergischer Seite betrachtete man jedoch das Knappwerk als Ursache für Schäden an der dortigen Uferbefestigung, weil dadurch die Strömung in nachteiliger Weise umgelenkt werde. Nach wiederholten, aber erfolglosen Protesten ließ der Calenberger Amtmann das umstrittene Knappwerk am 3. April 1677 gewaltsam beseitigen. Die Karte dokumentiert das Ereignis aus Sicht des Ruther Amtsschreibers und eines Notars: Sie illustriert die Zerstörung des Knappwerks durch die Äxte calenbergischer Bauern, die auf Kähnen übergesetzt hatten; zu ihrem Schutz nahmen mehr als 150 mit Musketen bewaffnete Söldner am jenseitigen Ufer Aufstellung, verstärkt durch Fußvolk aus Eldagsen, das sich am unteren Bogen der Leineschleife postiert hatte. Auf einen erfolglos verklungenen Protest des Amtsschreibers von Ruthe reagierte der Amtmann von Calenberg, indem er sich mit Speis und Trank bewirten ließ. Die Karte zeigt ihn mit erhobenem Trinkgefäß, flankiert von zwei Offizieren, im Hintergrund den Leibdiener sowie einen Trommler und zwei Pfeifer. Der farbenfroh gemalte Eklat lässt fast übersehen, dass die Karte überdies eine detailgetreue Darstellung des Amtssitzes und Dorfes Ruthe bietet.

Lit.: Heiko Leerhoff, Niedersachsen in alten Karten. Eine Auswahl von Karten des 16. bis 18. Jahrhunderts aus den niedersächsischen Staatsarchiven, Neumünster 1985, S. 113f. Nr. 46 und S. 176. – Berthold C. Haferland, Ruthe 988 – 1988. Beiträge zur Geschichte des Ortes und Amtes Ruthe, Sarstedt 1988, S. 47–52.

HStA Hannover 22 g Ruthe 11 pm  
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