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Aus den Magazinen des Landesarchivs (November 2013)

Wunder von Lengede 1963 (Staatsarchiv Wolfenbüttel, 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135)


StA Wolfenbüttel 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135  

Wohl nie stand Niedersachsen stärker im Fokus der Weltöffentlichkeit als vor genau 50 Jahren. Am Abend des 24. Oktober 1963 kam es zu einer Überflutung des Schachts Mathilde in der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt (Teil der Ilseder Hütte) durch einen gebrochenen Klärteich am Nordrand der Anlage. Die hier beigefügte Abbildung vermittelt eine Ahnung von der Größe dieses Klärteiches und der daraus folgenden Katastrophe. Er war nicht weniger als 500 Meter lang, bis zu 170 Meter breit und 20 Meter tief. 500 000 Kubikmeter Wasser und Schlamm flossen in rasender Geschwindigkeit in die enge Schachtanlage und brachten 129 Bergleute unter Tage in akute Lebensgefahr. Genau 100 von ihnen konnten gerettet werden, 11 davon - und das war es, was die ganze Welt bewegt hat - erst 14 Tage später, nachdem man schon die Trauerfeier für sie anberaumt hatte. Das Wunder von Lengede ist nicht zuletzt deshalb im kollektiven Gedächtnis verankert geblieben, weil Lengede als eine der ersten und bewegendsten Fernseh-Live-Reportagen in Deutschland gilt, die von einem Massenpublikum wahrgenommen wurde.

Über vergangene Ereignisse kann man oft sehr viel mehr erfahren, als über Vorgänge der Gegenwart und das liegt eben daran, dass Akten, die ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, jetzt durch die Erschließungsleistungen der Archive zugänglich sind. Über 250 Archivalien dokumentieren als Teil des im Staatsarchiv Wolfenbüttel verwahrten Firmenarchivs der Ilseder Hütte (Bestand 1009 N) das „Wunder von Lengede“ und eröffnen teils überraschende Perspektiven. Eine Auflistung von etlichen Zufällen im Bericht des Hüttendirektors macht beispielsweise deutlich, wie sehr das Auffinden und Überleben der zuletzt geretteten 11 Bergleute tatsächlich ein Wunder war. Nach dem Unglück hatte die Firmenleitung den ausgedienten Stollen (Alter Mann) als Fluchtmöglichkeit zunächst gar nicht auf der Rechnung. Als man nach Tagen entschied, doch noch dort zu bohren, fehlten exakte Angaben zur Lage des Alten Mannes. Man war auf Schätzungen angewiesen und letztlich auf Zufälle. Nur weil die Suchbohrung wegen eines Schienenstrangs etwas versetzt und die Bohrung unabsichtlich nicht senkrecht im Lot durchgeführt werden konnte, stieß man auf den inzwischen durch Einstürze zum Hohlraum verkümmerten Stollen. Aus der Perspektive des Unternehmens erfährt man auch etwas über das gesamte Umfeld der Suchbohrung. Scharfe Kritik wird teilweise an den Medien geübt, die das Leid der Angehörigen durch reißerische Berichte verschärften und sie zugleich gegen die Hüttenleitung aufhetzten. Gerüchte kursierten, dass die nahe DDR dies für antiwestliche Propaganda vor Ort nutzen könnte. Kritisch nahm man aber auch Politiker ins Visier, die vor die Fernsehkameras drängten und dabei die Rettungsarbeiten behinderten.

Das „Wunder von Lengede“ hat bis heute große Auswirkungen auf die Bergbausicherheit – schon allein durch die Lehre, verschüttete Bergleute nicht zu früh aufzugeben, sondern alle denkbaren (und undenkbaren) Möglichkeiten auszuschöpfen.

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