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Aus den Magazinen des Landesarchivs (Juli 2019)

Wirkung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 auf die Bevölkerung – Ein Einzelfall (NLA WO 4 Nds. Zg. 2003/022 Nr. 3620)


Zu Recht stehen Protagonisten des Attentats auf Hitler in diesen Tagen im Mittelpunkt des Interesses. Unter ihnen auch der ehemalige Wolfenbütteler Lehrer Werner Schrader (1895-1944), der mit anderen den Sprengstoff für Stauffenberg lieferte und dafür mit dem Leben bezahlte. Die Wirkung des Attentats und seine Wirkung auf die Bevölkerung vor 75 Jahren scheint dagegen bisher wenig untersucht worden zu sein. Was dachte der „Normalbürger“, Frauen und Männer, über die Verschwörer des 20. Juli und die Folgen ihrer Tat im Sommer/Herbst 1944? Tatsächlich scheint die Spurensuche hier schwierig zu sein. In den inzwischen gut erschlossenen Wiedergutmachungs- und Entnazifizierungsakten des Niedersächsischen Landesarchivs stößt man jenseits der am Attentat Beteiligten kaum auf Hinweise. Doch nicht alle schwiegen, wie der Fall von Rudolf Modrow aus Watenstedt bei Helmstedt zeigt.

Im Oktober führte er mit dem Landwirt Almstedt - in Hörweite anderer – ein Gespräch über die Folgen des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Dabei kritisierte Modrow laut Zeugenaussagen vor allem die Hinrichtung erfahrener hoher Offiziere mit dem Argument, dass die Wehrmacht diese Strategen für die Kriegsführung dringend nötig gehabt hätte – insbesondere Generalfeldmarschall von Witzleben. Almstedt ergänzte, dass er einen Rücktritt Hitlers danach für wünschenswert gehalten hätte. Auf den ersten Blick wirken diese Äußerungen recht harmlos. Keiner von beiden bejahte das Attentat ausdrücklich. Auf den zweiten stand aber hier durchaus mehr im Raum: Generäle waren für die beiden Männer in der Endphase des Krieges offenbar wichtiger als Hitler. Gegen Widerstand, aber eben auch nur bei offen geäußerten Zweifeln an Hitlers Kriegsführung reagierte das NS-Regime unter dem Begriff „Wehrkraftzersetzung“ gnadenlos. Überraschend wurde in diesem Fall jedoch mit zweierlei Maß gemessen. Almstedt kam nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß. Modrow dagegen saß ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, erst bei der Gestapo, dann im Braunschweiger Gefängnis Rennelberg. Offensichtlich wog schwerer, dass er Mitglied der NSDAP war, aus der er bereits am 1. November 1944 ausgeschlossen wurde. Sein Prozess sollte am 11. April 1945 in Braunschweig stattfinden. Dazu kam es nicht, weil die Alliierten genau an diesem Tag vor der Stadt standen. Modrow kam frei.


 
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