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Aus den Magazinen des Landesarchivs (April 2019)

Arbeitsschutz im 19. Jahrhundert - Einführung von Glimmerbrillen zum Schutz vor schweren Augenverletzungen und Erblindung (1861-1868) (NLA HA BaCl Hann. 84a Nr. 5561)


 

Im Mai 1868 erreichte das Preußische Oberbergamt Clausthal ein Schreiben des Breslauer Berggeschworenen Neimke. Darin übersendete er eine Glimmerschutzbrille sowie eine Studie des Breslauer Augenarztes Dr. Hermann Cohn an 1283 Breslauer Fabrikarbeitern über das Vorkommen von Augenverletzungen bei Metallarbeitern. Neimke schlug vor, die bereits erfolgreich bei den Breslauer Metallarbeitern getesteten, neuartigen Glimmerbrillen auch im hiesigen Bergbau einzuführen.

Bereits in den Jahren Jahr 1861/62 wurde im damaligen Königlich Hannoverschen Berg- und Forstamt heftig darüber diskutiert, ob Schutzbrillen für Bergleute, insbesondere bei der Bohrarbeit, vorgeschrieben werden sollten. Nachdem Vor- und Nachteile, die die Einführung von Schutzbrillen mit sich bringen würde, gegeneinander abgewogen wurden, entschied man sich entgegen des Rates des Berg-Medikus Dr. Sander dafür, das Tragen von Schutzbrillen nicht einzuführen. Das nun im Jahr 1868 eingegangene Schreiben des Berggeschworenen Neimke wurde nebst beiden Anlagen in den Umlauf gegeben und fachte diese Diskussion jetzt erneut wieder an.

Dr. Hermann Cohn hatte 1868 neue Schutzbrillen entwickelt, nachdem es in den Breslauer Maschinenfabriken und Eisengießereien immer wieder und immer häufiger zu Verletzungen der Augen kam. Bisherige Brillen aus Glas, die zum Teil zum Einsatz kamen, zeichneten sich durch drei schwerwiegende Nachteile aus: 1) sie waren zu zerbrechlich, 2) sie besaßen aufgrund ihres Gewichts keinen Tragekomfort und - ein wesentlicher Faktor der damaligen Zeit - 3) sie waren zu teuer. Die Glimmerbrillen von Dr. Cohn zielten darauf ab, genau diese Nachteile zu beheben. Die im Handel erschienenen sehr robusten Lampenzylinder aus Glimmer brachten ihn auf die Idee, dieses Mineral auch für Schutzbrillen zu nutzen. Die Verwendung von Glimmer und ein Gestell aus dünnem Messingdraht führten dazu, dass die Brillen nur halb so schwer waren, wie vergleichbare Brillen aus Glas. Sie wurden mit festen oder umlegbaren Bügeln ohne Scharniere versehen, man verwendete aber auch Gummibänder anstelle der Bügel (Ein solches Exemplar übersendete der Berggeschworene Neimke dem Oberbergamt Clausthal). Die Glimmerbrille war nahezu unzerbrechlich und hielt das Auge aufgrund der schlechten Wärmeleitungseigenschaften des Minerals kühl. Das wohl schlagkräftigste Argument für die neuartige Brille war aber ihr Preis, der nur rund ein Fünftel des Preises einer konventionellen Schutzbrille aus Glas betrug.

So wird folglich im Breslauer Gewerbeblatt vom März 1869 beschrieben, dass die Glimmerbrillen bereits nach kurzer Zeit eine weite Verbreitung in Europa und Amerika u.a. bei Bergarbeitern und Steinschlägern gefunden haben.

 
 
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