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Aus den Magazinen des Landesarchivs (Juli 2018)

Die Schlacht von Jemgum 1568 (NLA AU Rep. 243 Nr. A 18)


Nachdem bereits1533 eine Schlacht bei Jemgum stattgefunden hatte – damals waren Truppen des Herzogs von Geldern und Balthasars von Esens mit den ostfriesischen Grafen Ennound Johann zusammen getroffen – kam es 1568 erneut zu einer militärischen Auseinandersetzung bei dem linksemsischen Flecken Jemgum, die jedoch diesmalohne Beteiligung ostfriesischer Truppen stattfand. Vielmehr kann die (zweite) Schlacht von Jemgum dem ständisch-calvinitischen Aufstand der Niederlande gegen ihre spanisch-katholische Herrschaft und damit der ersten Phase des sogenannten Achtzigjährigen Krieges zugeordnet werden.

Die niederländischen Provinzen, die damals weitgehend das Gebiet der heutigen Benelux-Länder umfassten, gehörten dem Römischen Reich Deutscher Nation an und waren nach dem Tod Kaiser Karls V. an das spanische Königshaus gefallen.Während sich in den Provinzen im Zuge der Reformation vor allem der Calvinismus ausgebreitet hatte, war Phillipp II. (1527-1598) ein überzeugter Anhänger des Katholizismus, den er auch mit Gewalt in seinen Herrschaftsgebieten durchzusetzen suchte. Als 1566 in den Niederlanden fanatische Calvinisten im sogenannten Bildersturm in vielen Kirchen Altäre und Heiligenbilder zerstörten, entsandte der spanische König unter dem Kommando Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba, ein starkes Heer in die niederländischen Provinzen, um dort die Ordnung wiederherzustellen. Alba, der bei seinen Gegnern als „radikaler Katholik“ und „Eisenfresser“ bekannt war, setzte einen Raad van Beroerten (Rat der Unruhen), im Volksmund „Blutrat“ genannt, ein, der zahllose Todesurteile verhängte.

Während das Schreckensregiment Albas in den Niederlanden selbst jeglichen Widerstand unterdrückte, bereiteten die nach Deutschland geflohenen Niederländer Gegenmaßnahmen vor. Diese Kräfte sammelten sich unter der Führung Wilhelm von Oraniens, der 1568 von deutschem Boden aus an drei verschiedenen Punkten eine Invasion plante. Wilhelms Bruder, Ludwig von Nassau, hatte dabei den Auftrag, die Stadt Groningen zu erobern. Nachdem es ihm zunächst gelungen war in der Schlacht von Heiligerlee den Groninger Statthalter vernichtend zu schlagen, konnte er ungehindert vor die Tore Groningens ziehen, das er jedoch ohne Belagerungsgeschütze nicht einnehmen konnte.

Als Alba mit einer großen Streitmacht Richtung Groningen zog, sah sich Ludwig von Nassau gezwungen, sich mit seinen Truppen nach Ostfriesland zurückzuziehen. Bei dem Dorf Jemgum trafen die beiden Streitkräfte am 21. Juli 1568 aufeinander, wobei das Kräfteverhältnis sehr ungleich verteilt war. Denn den etwa 7.000 bis 8.000 Mann des Nassauers standen 12.000 Soldaten des Herzogs gegenüber. Die Schlacht endete mit einer restlosen Niederlage Ludwigs von Nassau. Fast seine gesamte Streitmacht (6.000 Mann) sollen umgekommen sein, während der Alba angab, erhabe weniger als 100 Mann verloren. Jemgum und Umgebung, die nur zufällig Schauplatz der Schlacht geworden waren, sahen sich der Rach- und Plünderungssucht der spanischen Truppen ausgesetzt. Selbst gebrechliche Greise sollen ermordet worden sein, Frauen und Mädchen wurden geschändet, 50-60 Häuser gingen in Flammen auf, während die Kirchen und Höfe geplündert wurden.

Die niederländische Historiographie ließ den Achtzigjährigen Krieg gerne mit den ersten offenen Feldschlachten 1568 (Heiligerlee und Jemgum) beginnen. Diese Datierung vermittelt allerdings den Eindruck eines offiziell erklärten Krieges.Tatsächlich hatte sich schon sehr viel länger ein virulenter Gegensatz zwischen den Niederländern und ihrem spanischen König entwickelt, der erst 1648 – mit der endgültigen Anerkennung der unabhängigen Niederlande – sein Ende fand.


 
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