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Aus den Magazinen des Landesarchivs (Juli 2017)

Interreligiöser Wettstreit im Mittelalter? Epistola Saraceni et Rescriptum Christiani (1142) (NLA Osnabrück Rep 2 Nr. 48)


In Spanien wurde er endlich fündig: Bei einer Visitationsreise der ihm unterstellten spanischen Klöster traf der Abt von Cluny, Petrus Venerabilis, 1142 die von ihm gesuchten sprachbewanderten Männer, um sein langgehegtes Projekt in die Tat umzusetzen. Denn nicht mit dem Schwert, sondern mit der Macht des geschriebenen Wortes bemühte sich Petrus, Muslime zu bekehren und zum rechten Glauben zu führen, non vi sed ratione, non odio sed amore! Für seinen spirituellen Kreuzzug benötigte er ins Lateinische übersetzte Berichte über das Leben des Propheten Mohammed, islamische Schriften und theologische Abhandlungen, um diese widerlegen zu können.

Im Rahmen der in Toledo anlaufenden Übersetzungsarbeiten arabischer Texte wurde nicht nur die erste Übertragung des Koran ins Lateinische geschaffen, sondern auch ein hochinteressanter, aus dem frühen 9. oder 10. Jahrhundert stammender Briefwechsel transkribiert: Am Hofe des Kalifen von Bagdad fordert der Muslim Al-Hashimi den mit ihm befreundeten Christen Al-Kindi auf, zum Islam überzutreten und schildert die Grundsätze seiner Religion. Al-Kindi lehnt dieses Ansinnen höflich ab und lädt im Gegenzug seinen Freund ein, endlich den wahren christlichen Glauben anzunehmen. Zudem verteidigt er ausführlich das Christentum und legt die aus seiner Sicht zahlreichen Irrtümer des Islam dar.

Die arabische Vorlage der als Epistola Saraceni et Rescriptum Christiani bekannten Briefe wurde von dem aus einer mozarabischen Familie stammenden Petrus von Toledo zusammen mit Petrus von Poitiers um 1142 bearbeitet und fanden mit einem Prolog und Epilog versehen Eingang in dem von Petrus Venerabilis zusammengestellten Corpus Cluniacense. Allerdings berichtet dieser Briefwechsel wie die übrigen Texte des Corpus nicht von einem gleichberechtigten Wettstreit der Religionen. Erklärtes Ziel Petrus‘ Venerabilis und seiner Übersetzer war es, den Islam als verdammenswerte Häresie darzustellen und Mohammed als Pseudopropheten zu entlarven.

Das hier präsentierte Fragment (Nr. 2) aus der langen Antwort Al-Kindis beschreibt eine Episode aus der Pilgerreise nach Mekka, in der Mohammed heidnische Opferrituale für die Göttin Venus vollführt und schildert ihn somit als Götzendiener. Auch wenn dieser – mutmaßlich fiktive Briefwechsel – einen enormen Einfluss auf die Sicht des Islam im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatte, hielt sich am Ende des 16. Jahrhunderts das Interesse an dieser wohl im 14. Jahrhundert angefertigten Handschrift in engen Grenzen. Zerschnitten, zerknickt und bekritzelt wurde diese aus unbekannter Provenienz stammende Abschrift der Epistola als Bucheinlage verwendet und landete schließlich auf bisher nicht zu rekonstruierenden Wegen in der Fragmentensammlung des NLA in Osnabrück.

 
 
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