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Aus den Magazinen des Landesarchivs (September 2011)

Momentaufnahme eines Naturereignisses aus dem Jahr 1782 (Staatsarchiv Osnabrück, K 72 Rulle Nr. 1 H)


Die Straße von Osnabrück nach Icker, heute ein Ortsteil der Gemeinde Belm, macht am Hanfelder Hügel kurz vor dem Übergang der Bramheide zur Straße Hinter dem Felde einen unvermittelten Knick. An dieser Stelle umgeht sie das sogenannte Icker Loch, über dessen Entstehung die historischen Quellen in erfreulicher Genauigkeit Auskunft geben. Es handelt sich um einen Erdfall, ein geologisches Phänomen, das in diesem Bereich bereits mehrfach aufgetreten war.

Am 22. April 1782 war auf der Heerstraße von Osnabrück nach Icker eine Frau im Kirchspiel Rulle unterwegs, als sich begleitet von einem heftigen unterirdischen sturmartigen Getöse ein Loch zunächst in der Größe eines Brunnens auf der Landstraße auftat. Sie alarmierte den Bauern Hanfeld auf dem nahegelegenen Hof, der sich das Loch ansah und beobachtete, wie die Erde von den Rändern weiter abbrach. Sofort machte Hanfeld Anzeige beim Obervogt Nieberg, der nach eigener Besichtigung den Weg durch eine Wache sperren ließ und sich am nächsten Tag in einem Schreiben Hilfe seitens der fürstbischöflichen Regierung erbat (NLA – Staatsarchiv Osnabrück Rep 100/188/58 Bl. 2f.).

Der Erdbruch vergrößerte sich durch Abbruch der Ränder noch über mehrere Tage. Am 29. April war dieser Prozess beendet und das Icker Loch entstanden, eine große, mit Wasser gefüllte Grube mit über 20 m Durchmesser.

Das zuständige Amt Iburg stellte sofort Überlegungen an, wie der Weg künftig verlaufen solle, und rief dazu die Bauerrichter der benachbarten Marken zusammen. Außerdem sollte die Einsturzstelle durch ein festes Geländer gesichert werden. Doch zunächst wurde Christian Ludolf Reinhold, in Osnabrück als Lehrer, Vermesser und Zeichner tätig, beauftragt, das Phänomen auf seine Ursache hin zu untersuchen. Reinhold verfasste einen genauen Bericht und illustrierte seine Ausführungen mit einer Skizze und einer Karte, auf der das Icker Loch mit den Gegebenheiten der Umgebung gezeichnet ist. Seinen Bericht veröffentlichte er später mehrfach in gedruckter Form (So z.B. Nachricht von einem Erdbruche, welcher sich im Hochstifte Osnabrück ereugnet als ein Beispiel zur Naturgeschichte, herausgegeben von Christian Ludolph Reinhold, Münster und Osnabrück 1782 (Dienstbibliothek des StAOs Z 1637/76, 3).


StA Osnabrück K 72 Rulle Nr. 1 H  

Der Erdfleck, wie das Loch in den Quellen bezeichnet wird, hatte nach dem Ende der Einbruchtätigkeit einen Durchmesser zwischen 70 und 87 Fuß (ca. 17 – 25 Meter) und war 123 Fuß tief von der Wasseroberfläche, 136 Fuß tief von der Erdoberfläche aus gemessen.

Die versunkenen Erdmassen vermutete Reinhold kegelförmig in eine unterirdisch entstandene Höhle abgerutscht. Offenbar war eine tiefer in der Erde liegende Kalkschicht von unterirdischen Wasserläufen ausgewaschen worden, die darüber liegenden Mergel-, Lehm- und Sandschichten sackten nach unten weg und so entschwand an der Oberfläche ein Teil der Straße.

Bemerkenswert war, dass schon zwei ähnliche Erdlöcher in diesem Gebiet vorhanden waren. Zum einen existierte in einigem Abstand (1456 Fuß) nordwestlich der sogenannte Unergründliche Kolck. Die Aussagen über sein Alter gingen weit auseinander, mindestens 100 Jahre sollte er jedoch schon existieren. Das Wasser war von gleicher Beschaffenheit wie in dem neuen Erdloch, nämlich – wie Reinhold schreibt – wrackig und bituminös, also von ölig-schwefeligem Gehalt. Fische würden nach Aussagen von Anwohner darin zwar leben können, aber nach kurzer Zeit erblinden. Auf dem Unergründlichen Kolck hatte sich eine schwimmende Insel aus Moos gebildet, auf dem sich Erlen angesiedelt hatten. Die Insel war so kompakt, dass sich ein erwachsener Mensch darauf von Ufer zu Ufer treiben lassen konnte.

Zum anderen hatte es auf dem Grund des Bauern Hanfeld die Icker Kuhle oder Grube gegeben, die mittlerweile aber vom Schlamm und Sand wieder verschlossen war.

Auf der von Reinhold gezeichneten Karte, die im Staatsarchiv Osnabrück unter der Signatur K 72 Rulle Nr. 1 H aufgewahrt wird, ist das Icker Loch auch auf einer Nebenkarte in Vergrößerung zu sehen. Die alte Icker Grube ist in der Nähe der nun unterbrochenen Straße eingezeichnet, der Kolck samt schwimmender Insel am Rand von Hanfelds Wiesen.

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