Vor 80 Jahren überflutete ein Jahrhunderthochwasser das Staatsarchiv Hannover
Die Katastrophe hat bis heute Auswirkungen auf die Benutzung geschädigter Bestände.
Die Hoch-Wasser-Marke am Dienstgebäude des Niedersächsischen Landesarchivs in Hannover zeigt die beeindruckende Höhe von 2,20 m. Das sogenannte „Leine-Hochwasser“ vom Februar 1946 traf die von den Bomben des Zweiten Weltkriegs schwer getroffene Stadt Hannover weitgehend unvorbereitet. Der hannoversche Staatsarchivar Hans Goetting berichtet als Augenzeuge: „Als ich mich am frühen Nachmittag des 9. Februar – der Dauerregen der letzten Tage war in leichten Schneefall übergegangen – wie gewohnt zum Bahnhof begab, um zu meiner Familie nach Vorsfelde bei Wolfsburg zu fahren, war der Wasserstand der Leine am Schloß zwar höher als gewöhnlich, gab aber zu begründeten Besorgnissen noch keinen Anlaß“.
Eine durch den seit dem 3. Februar ohne Pause anhaltende Niederschlag entstandene erste Hochwasserwelle hatte allerdings die vorhandenen Wasserspeicher und Rückhalteflächen rasch gefüllt und die Wasserläufe anschwellen lassen. Dennoch stieg der Wasserstand in Hannover am 8. Februar nicht weiter an; am Mittag des 9. Februar gab es an Leine und Ihme noch Spielraum von 1 m bis 1,5 m zu den Deichkronen. Außerordentlich hohe Niederschlagsmengen in der Nacht vom 8./9. Februar lösten dann eine zweite Hochwasserwelle aus, die im inneren Stadtgebiet auf die vorherige Welle, die Hannover noch nicht passiert hatte, traf. Diesen Wassermassen waren die Flussdeiche nicht gewachsen; sie wurden überflutet und brachen.
Der Höchststand der Flut war am 10. Februar um 12 Uhr mittags erreicht. Zu diesem Zeitpunkt waren 1.666,25 ha Fläche des Stadtgebiets überschwemmt. Besonders schwer wurde die zwischen Leine und Ihme gelegene Calenberger Neustadt betroffen. Hier wurde die Situation dadurch noch verschlimmert, dass ein britisches Treibstofflager auf dem Schützenplatz überflutet wurde und der Strom ca. 700.000 Benzinkanister mit sich riss, die die Durchflüsse unter den Leinebrücken im weiteren Verlauf des Flusses verstopfen sollten.
Der am Morgen des 11. Februar nach Hannover zurückgekehrte Archivar Goetting schildert die Situation: „Das Wasser, welches am Vortrag den gesamten Friederiken-Platz überflutet hatte, war inzwischen leicht zurückgegangen. Dagegen bildeten der ganze Waterloo-Platz, Adolfstraße und Archivstraße noch einen riesigen See. Das gesamte Gebäude des Staatsarchivs und der Provinzialbibliothek befand sich in einem reißenden Strom, der von der Waterloostraße heruntergeschossen kam und sich in die tiefer gelegene Calenberger Neustadt hinter dem Regierungsgebäude ergoß“. Linden war so bis zum 13. Februar vollständig von der Verbindung mit der Stadt Hannover abgeschnitten.
Zahlreiche vom Luftkrieg verschonte Wohnhäuser wurden vorübergehend unbrauchbar. Die nach den Bombenangriffen nur notdürftig wiederhergestellte Infrastruktur in der Stadt – Straße, Deiche, Fernsprech- und Telegraphenanlagen, Energieversorgung – wurde schwer getroffen. An öffentlichen Gebäuden wurden u. a. das Leine-Schloss, das Neue Rathaus, das Polizeipräsidium an der Hardenbergstraße sowie das Regierungsgebäude (heute Umweltministerium) und das Staatsarchiv überschwemmt. Die Arbeit der Verwaltung, die ohnehin vor die kaum lösbare Aufgabe gestellt war, die Versorgung der Stadtbewohner mit dem Lebensnotwendigen irgendwie zu organisieren, wurde damit noch einmal erheblich beeinträchtigt.
Auch die historische Überlieferung in dem durch mehrere Bombentreffer stark beschädigten Staatsarchiv wurde schwer getroffen. Die während der letzten Kriegsjahre ausgelagerten Akten und Urkunden waren gerade erst in großer Eile aus den Auslagerungsorten zurückgeführt und im Erdgeschoss des Gebäudes aufgeschichtet worden. Sie wurden vollständig vom Hochwasser überspült. Die Aktenfaszikel lösten sich dabei auf und gerieten durcheinander; alles wurde von einer dicken Schlammschicht überzogen.
Die Maßnahmen, die anschließend zur Beseitigung der Schäden vorgenommen werden konnten, waren aufgrund der zeitbedingt eng begrenzten Möglichkeiten nicht nachhaltig. Lediglich eine Trocknung und Umlagerung der Bestände war möglich, während der bald einsetzende Schimmelpilzbefall an den durch Schlamm verkrusteten Akten nicht aufgehalten werden konnte. Eine dringend notwendige Reinigung von Schlammresten und Schimmelpilzsporen unterblieb, weil dafür vor allem die dazu erforderliche hohe Personalkapazität nicht zur Verfügung stand.
Die Restaurierung der wassergeschädigten Akten und Urkunden sollte eine jahrzehntelange Aufgabe werden. So wird seit 2016 intensiv an den Beständen aus der Zeit der napoleonischen Herrschaft gearbeitet und viele Stücke sind mittlerweile wieder nutzbar. Doch es bleibt insgesamt noch viel zu tun, bis alle durch das Hochwasser geschädigten Bestände wieder vollständig einsehbar sind.
Hier geht es zu einem Bericht des NDR zu diesem Thema.

