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Gewappnet für die Katastrophe? Vor zehn Jahren gründete sich der Notfallverbund Aurich

Übersicht über die Verteilung der Notfallverbünde in Deutschland (Quelle: www.notfallverbund.de)

Zu den am häufigsten zitierten Passagen eines deutschen Gerichtsurteils gehören mit Sicherheit zwei Sätze aus einem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Münster vom 11. Dezember 1987 (Az 10 A 363/86), in dem es um einen Rechtsstreit nach einem Gebäudebrand ging. Dort heißt es: „Es entspricht der Lebenserfahrung, dass mit der Entstehung eines Brandes praktisch jederzeit gerechnet werden muss. Der Umstand, dass in vielen Gebäuden jahrzehntelang kein Brand ausbricht, beweist nicht, dass keine Gefahr besteht, sondern stellt für den Betroffenen einen Glücksfall dar, mit dessen Ende jederzeit gerechnet werden muss.“

Hinter diesem Urteil steht die Erkenntnis, dass sich Notfälle jeglicher Art oder gar Katastrophen nicht vollkommen ausschließen lassen und – so lässt sich ergänzen – dabei auch wertvolle und unersetzliche Kulturgüter beschädigt oder vollkommen zerstört werden können. Es müssen nicht gleich die großen Katastrophen eintreten, die einem in diesem Zusammenhang ins Gedächtnis rücken, wie z.B. das Elbehochwasser 2002, der Brand der Anna Amalia Bibliothek 2004 in Weimar oder der Einsturz des historischen Archivs in Köln 2009. Auch kleinere Notfälle (z.B durch beschädigte Wasserleitungen oder einen Schwelbrand im Magazin oder Depot) können die betroffenen Einrichtungen rasch an ihre Grenzen führen, ganz abgesehen davon, dass oftmals das Wissen fehlt, wie nach einem Einsatz der Feuerwehr oder dem Abpumpen des Wassers mit den beschädigten Kulturgütern umzugehen ist, um weitere Folgeschäden zu vermeiden.

Um bei derartigen Notfällen oder sogar Katastrophen handlungsfähig zu bleiben, haben sich in den letzten Jahren immer mehr Kultureinrichtungen in einzelnen Städten zu sogenannten Notfallverbünden zusammengeschlossen. Bundesweit gibt es inzwischen mehr als 50 derartige Notfallverbünde, in Niedersachsen sind es allerdings gerade einmal drei. Es handelt sich dabei um den 2009 gegründeten Regionalen Notfallverbund Hannover, den Notfallverbund Osnabrück (gegründet 2017) und den seit 2012 bestehenden „Notfallverbund Aurich“. Das zehnjährige Jubiläum des Auricher Notfallverbundes gibt Anlass für eine kurze Rückschau.

Unterzeichnung der „Vereinbarung über die gegenseitige Unterstützung in Notfällen in einem „Notfallverbund zum Kulturgutschutz in Katastrophenfällen für die Stadt Aurich“
Eine Mitarbeiterin der Abteilung Aurich des NLA bei der Bergung von geschädigten Kulturobjekte anlässlich der Notfallübung des Notfallverbundes 2018

Die Gründung des Auricher Notfallverbundes geht auf die Anregung des damaligen Staatsarchivs zurück. Erste Gespräche mit den in der Stadt Aurich ansässigen Einrichtungen, die über Kulturgüter verfügen, hatten eine große Resonanz, so dass sich schließlich die Stadt Aurich und die Ostfriesische Landschaft jeweils für ihre Kultureinrichtungen sowie das Niedersächsische Landesarchiv – Staatsarchiv Aurich – bereitfanden, einen Notfallverbund miteinander zu gründen. Die Unterzeichnung der „Vereinbarung über die gegenseitige Unterstützung in Notfällen in einem ‚Notfallverbund zum Kulturgutschutz in Katastrophenfällen für die Stadt Aurich‘ (‚Notfallverbund Aurich‘)“fand am 6. Februar 2012 im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft statt. In dem Notfallverbund sind als einzelne Einrichtungen das Historische Museum, die Stadtbibliothek Aurich, die Landschaftsbibliothek Aurich, die Museumsfachstelle, der Archäologische Dienst mit dem Forschungsinstitut sowie die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs vertreten (Auf dem Bild oben v.l. vorne: Helmut Collmann, Heinz Werner Windhorst, Dr. Rolf Bärenfänger, Prof. Dr. Parisius, hinten: Bodo Bargmann, Dr. Michael Hermann, Dr. Paul Weßels, Brigitte Junge, Reendeltje Ohling-Wilken, Dr. Nina Hennig, Dr. Jan F. Kegler, Dr. Sonja König).

Alle diese Institutionen beherbergen unschätzbare Kulturgüter, die für die Geschichte und Kultur der Stadt Aurich, aber auch für ganz Ostfriesland von erheblicher Bedeutung sind. So umfasst die Auricher Stadtbibliothek allein etwa 45.000 Medieneinheiten, während das Historische Museum Aurich eine kulturgeschichtliche und volkskundliche Sammlung von mehr als 15.000 Objekten besitzt, unter denen sich Exponate aus der ostfriesischen Residenz Aurich befinden, wie z.B. die Barockkleider aus dem Mausoleum der Fürstenfamilie Cirksena oder das Silber aus der Zeit der Fürsten. Dagegen verfügt die Landschaftsbibliothek Aurich über mehr als 200.000 Bücher und viele historische und aktuelle Zeitschriften. Zu dem Bestand gehört nicht nur die berühmte von Derschau-Bibliothek als herausragender historischer Bestand, sondern auch ein umfangreiches Bildarchiv mit mehr als 100.000 Objekten und das historische und aktuelle Zeitungsarchiv für Ostfriesland. Beim Archäologischen Dienst und dem Forschungsinstitut der Ostfriesischen Landschaft sind ca. 1.900 Regalmeter Funde untergebracht, zu denen beispielweise ein Lederschuh aus der Römischen Kaiserzeit gehört, der in Westerholt gefunden wurde, aber auch das auf Karten, einer Fundstellenkartei und Grabungsdokumentationen gesammelte Wissen zur Archäologie in Ostfriesland auf ca. 220 Regalmetern. Darüber hinaus findet sich im Landschaftsgebäude noch eine Sammlung an Möbeln, Gemälden und kunstgewerblichen Objekten, um die sich die Museumsfachstelle kümmert. Schließlich beherbergt die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs über sechs Regalkilometer an Archivalien zur Geschichte Ostfrieslands von 1284 bis zur Gegenwart, darunter die Kaiserurkunde Friedrichs III. zur Erhebung von Ulrich Cirksena in den Grafenstand und damit die Gründungsurkunde der Grafschaft Ostfriesland 1464, sowie viele bedeutsame Deposita.

Ziel des Notfallverbundes war und ist es, die bestehenden Ressourcen an Personal und Sachmitteln in einem eventuell eintretenden Notfall zum Schutz des Kulturgutes zusammenzuschließen. Dies geschieht beispielsweise durch die Abstellung von Arbeitskräften, die sich an der Bergung von Büchern oder Museumsexponaten beteiligen oder durch Hinzuziehung von vorhandenen Restauratoren als Fachkräfte. Der Notfallverbund will dabei nicht die Feuerwehr ersetzen, vielmehr sind die Aufgaben des Verbundes den Aktivitäten der Feuerwehr zeitlich nachgeordnet und betreffen vor allem die Bergung und Sicherung geschädigter Kulturgüter. Zudem wollen sich die Notfallverbundteilnehmer gegenseitig in allen Fragen der Notfallprävention unterstützen.

In diesen Bereich fielen auch die ersten Aktivitäten des Notfallverbundes nach seiner Gründung. So wurden von allen beteiligten Kultureinrichtungen Notfalltabellen erstellt, die einerseits die jeweiligen Ansprechpartner und deren Kontaktdaten aufführen, andererseits die baulichen und naturräumlichen Gegebenheiten und ggf. deren Risiken und Eigenschaften dokumentierten (Hochwassergefahr, Zugänglichkeit der Räume, Markierung von Fluchtwegen, Existenz einer Brandmeldeanlage, Evakuierungspläne). Darüber hinaus wurden – soweit noch nicht vorhanden – kleinere Notfallboxen angeschafft, die vom Cuttermesser, über Taschenlampe, Einwegoverall und Gummistiefeln alle notwendigen Utensilien enthalten, um nach einem Schadensfall baldmöglichst mit der Erstversorgung von geschädigten Dokumenten, Büchern oder anderen Kulturgütern beginnen zu können.


Notfallboxen in der NLA-Abteilung Aurich
sowie die für den gesamten Notfallverbund angeschafften Notfallcontainer

Außerdem hat der Notfallverbund acht Notfallcontainer angeschafft, die bei der Freiwilligen Feuerwehr Aurich eingelagert sind und im Katastrophenfall vor Ort gebracht werden können. Diese enthalten Klapptische und -stühle, Verpackungsmaterialien (vom Seidenpapier über Stretch- und Luftpolsterfolien bis hin zu Transportkisten), persönliche Schutzkleidung (Handschuhe, Helme, Overalls etc.) und Utensilien zur Dokumentation (Block, Bleistift). Die Container und ihr Inhalt konnten Ende 2012 durch die finanzielle Förderung der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (der sog. KEK) in Berlin beschafft werden.

Um den Katastrophenfall, der möglichst gar nicht eintreten soll, zu üben, wurden 2015 beim Landesarchiv und 2018 bei der Archäologie der Ostfriesischen Landschaft zwei Notfallübungen durchgeführt. Eine für 2021 vorgesehene Übung beim Historischen Museum musste wegen Corona abgesagt werden, soll aber in diesem Jahr nachgeholt werden. Im Mittelpunkt der Übungen standen die Bergung, Registrierung und Erstversorgung der Kulturobjekte. Dazu wurde das zur Verfügung gestellt Material, das natürlich nicht aus den verzeichneten bzw. inventarisierten Sammlungsbeständen stammte, von der Feuerwehr präpariert, das bedeutet: angezündet und mit Wasser gelöscht, so dass bei der Erstversorgung nicht nur mit Brand- sondern auch mit Wasserschäden umgegangen werden musste.

Präparierung der Übungsobjekte bzw. Registrierung
und Erstversorgung der Objekte auf der Notfallübung 2015

Auf Grundlage der Übungen wurde ein Workflow ausgearbeitet, der sich bereits als weitgehend belastbar herausstellte. Dagegen musste festgestellt werden, dass grundlegender Informationsbedarf an den Erstversorgungsstationen bestand. So war den eingesetzten Kräften oftmals nicht klar, wie mit den beschädigten Objekten umgegangen werden muss. Um diese Informationslücke zu schließen wurden inzwischen Notfallmappen vorbereitet, die für jede einzelne Station die erforderlichen Aufgaben und Maßnahmen aufführt und dokumentiert. Außerdem ist im April dieses Jahres eine ganztägige Informationsveranstaltung für alle ostfriesischen Kultureinrichtungen geplant, in dem es auch um „mögliche Schadensbilder und praktische Übungen“ gehen soll.

Wie das einleitende Zitat gezeigt hat, lässt sich nicht endgültig ausschließen, dass es zu Bränden oder Notfällen kommt. Für diesen Fall wollen die verschiedenen Kultureinrichtungen des Notfallverbundes vorbereitet sein, damit das wertvolle Kulturgut, das in Aurich aufbewahrt wird, möglichst gut geschützt ist und nach der Bergung der Objekte möglichst wenige Schäden auftreten.

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